Mittwoch, 20. Januar 2016

Ihre Stellungnahme vom 14.12.2015 zu "In fremden Händen", Süddeutsche Zeitung Magazin 50/2015

Sehr geehrte Frau Zeller,

mein Name ist Stefanie Rabenschlag. Ich arbeite seit 1999 als Pflegemutter und Sonderpädagogische Erziehungsstelle für verschiedene Jugendämter, vorwiegend für das Jugendamt Bad Dürkheim, in dessen Einzugsbereich wir leben, derzeit auch  für das Jugendamt Südliche Weinstraße.

In den oben genannten Protokollen ist die Geschichte eines unserer Pflegekinder, Luca, als Fall 6 notiert. Herr Stadler hat dazu bei uns recherchiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Lucas dramatische Geschichte hatten bereits unsere regionale Zeitung DIE RHEINPFALZ sowie die SWR Landesschau im Dezember 2012 berichtet.
Ich selbst habe alles in einem öffentlichen Blog dokumentiert, wo auch die Pressestimmen zu finden sind:
www.herzbaum.blogspot.de

Mit der für uns zuständigen Mitarbeiterin des Landesjugendamtes Mainz, Frau Mückusch-Radwer, hatte ich in 2012 und auch danach regen Austausch.
Sie hat sich aktiv und vor Ort gegenüber dem federführenden Jugendamt Rhein-Pfalz-Kreis und vor allem der ausführenden Stelle, dem Ludwigshafener Zentrum für individuelle Erziehungshilfe (LuZie), für Luca eingesetzt. Da sie jedoch nicht weisungsbefugt war, konnte der eingeschlagene Plan ungehindert fortgesetzt werden.

Nur wenige Fakten will ich Ihnen schildern.
Luca wurde von seinen Eltern in seiner frühen Säuglingszeit schwer krank im Stich gelassen.
Er wurde von Krankenhaus zu Krankenhaus verlegt - fünf in den ersten acht Monaten - und schließlich wegen drohender Gewaltanwendung seines Vaters in Obhut genommen.
Mit acht Monaten kam er zu uns, schon gleich mit der vom Jugendamt ausgesprochenen Option, dass dieses Kind nicht mehr seinen Lebensort wechseln sollte. Er lebte bei uns ununterbrochen vier Jahre, keine einzige Nacht verbrachte er ohne uns.
Er wurde am 25. Oktober 2012 auf offener Straße vor unserem Haus von je einer Mitarbeiterin des Jugendamtes Rhein-Pfalz-Kreis und des LuZie unangekündigt abtransportiert wie ein Sack Kartoffeln, versuchsweise gelockt mit Süßigkeiten und Bilderbuch; mir wurde dabei mit dem "großen Besteck" gedroht, das bedeutete, mit der Polizei. Eine Nachbarin, die ihren Hund ausführte und der Freund meiner Tochter, die zufällig vorbei kamen, sind ebenfalls Zeugen.
Er kam in eine Bereitschaftspflegestelle, zwei Monate lang, danach zu seiner Herkunftsfamilie, bei der er nie gelebt hatte.
Die Familie verzog schnell nach Bayern. Wie es Luca dort erging, hat mir später seine leibliche Tante erzählt. Auch in Berichten des Kaufbeurener Jugendamtes, wo wir Umgang mit Luca beantragt hatten, steht sein Elend beschrieben. Er schmierte Kot an die Wände, seine Mutter band ihm die Hände mit Strumpfhosen auf den Rücken. Er magerte entsetzlich ab. Dank der Tante und ihrer Kontakte zum Leiter des dortigen Kindergartens kam Luca nach Augsburg in die Kinderpsychiatrie.
Von dort wurde er nach Kempten in ein Heim überstellt.
Seine Eltern kümmern sich ein zweites Mal in seinem Leben nicht mehr um ihn.
Sie haben kein Sorgerecht mehr, wie schon zu Lucas Säuglings- und Kleinkindzeit.
Ich habe ihn besuchen können auf Anfrage beim Jugendamt Kaufbeuren, einige Male. Er wollte sofort wieder zu uns nach Hause, konnte das auch frei formulieren.
Er lebt in einem Heim für behinderte Kinder. Bei uns hatte er den Regelkindergarten besucht. Doch jetzt ist er wichtig als Heimplatz, mit dem gerechnet wird, besonders in einer kleinen Einrichtung.

Ich weiß nicht, wieviele Fälle Sie kennen, Frau Zeller, die an dieses grausame Kinderschicksal Lucas heranreichen. Grausam auch deshalb, weil die Taten von allen Instanzen - Jugendämtern, Richtern, Verfahrensbeiständen, Gutachter - gegenseitig bestätigt und für dem Kindeswohl dienlich befunden wurden.

Sie dürfen uns gerne besuchen. Ich kann Ihnen Akteneinsicht in einen Stapel Papiere geben, die allem, was Luca geschehen ist, den Stempel des geltenden Rechts aufdrücken.
Im Fall 6 der Protokolle des Süddeutsche Zeitung Magazins steht ein kleiner Teil der Wirklichkeit, die Luca zugefügt wurde. Den großen Teil, seinen Schmerz, seine Not, seine Tränen, seine Verlassenheit, sein Ausgeliefertsein fügen Sie bitte selbst hinzu.
Mit nur ein bisschen Professionalität, Menschenverstand und Herz war all dies mit Leichtigkeit vorauszusehen - und wurde dennoch kalt durchgezogen.

Mit freundlichen Grüßen

Stefanie Rabenschlag


*

Frau Zeller ist die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz in Mainz; sie hat hier Stellung genommen; siehe auch voriger Post vom 16.1.2016.


Samstag, 16. Januar 2016

Das hat mir gerade noch gefehlt!

Die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter,
Frau Birgit Zeller,
auch Leiterin des Landesjugendamtes Rheinland-Pfalz in Mainz,
nimmt Stellung zu der Veröffentlichung "In fremden Händen" 
des Süddeutsche Zeitung Magazins, Ausgabe 50/2015.


Frau Zeller, meine Antwort kommt!





Mittwoch, 6. Januar 2016

SternStunde



"Dies", sagte Meister Hora, "dies ist eine Sternstundenuhr. 
Sie zeigt zuverlässig die Sternstunden im Leben eines Menschen an - 
und eben jetzt hat eine solche Stunde begonnen."
"Was ist das - eine Sternstunde?" fragte Momo.
"Nun, es gibt im Lauf eines Menschenlebens 
immer wieder besondere Augenblicke, 
wo es sich ergibt, 
dass alle Dinge und Wesen 
bis zu den fernsten Sternen hinauf 
in ganz einmaliger Weise zusammenwirken, 
so dass etwas geschehen kann, 
was weder vorher noch nachher möglich wäre. 
Leider verstehen die Menschen sich 
im Allgemeinen nicht darauf sie zu nutzen, 
und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber und verloren. 
Aber wenn es jemand gibt, der sie erkennt, 
dann geschehen große Dinge im Leben eines Menschen."


Michael Ende:
Die unendliche Geschichte






Freitag, 1. Januar 2016

Alles, was recht ist.


"Wird nicht dem mit Kindern und Jugendlichen befassten Richter 
seine Unabhängigkeit gerade dadurch genommen, 
dass ihm die für ein verantwortliches Handeln und Beurteilen 
notwendige Ausbildung über Kindesentwicklung, 
medizinische Grundkenntnisse wie Konfliktverläufe 
und Möglichkeiten der Befriedung vorenthalten bleibt? 
Obwohl für seine Entscheidungen voll verantwortlich, 
befindet er sich dadurch in der Situation, 
mehr oder weniger blindlings die Bewertungen von Dritten 
wie Jugendamtsmitarbeitern, 
psychologischen und anderen Sachverständigen 
oder sogar Verfahrensbeiständen übernehmen zu müssen. 
Der Richter muss deren subjektiven Meinungen und Bewertungen folgen, 
ohne zumeist im Ansatz die Möglichkeit zu haben, 
die jeweiligen Beiträge auf ihre wissenschaftliche Belastbarkeit 
prüfen zu können."